Die Kaiserswerther Diakonie in der 140-jährigen Geschichte der Diakonieanstalt Wyborg und Lahti

Die Kaiserswerther Diakonie in der 140-jährigen Geschichte der Diakonieanstalt Wyborg und Lahti

 Die Diakoniearbeit gedeiht in Wyborg – Aus Hunger wurde Barmherzigkeit – Die Verbindungen zu Kaiserswerth

 

Die Entstehung der Diakonissenanstalt Wyborg hatte viele Gründe, der schwerwiegendste jedoch war der schreiende Bedarf nach Nächstenhilfe. In Finnland herrschte Massenarmut. Der Lauf der Ereignisse wurde durch die Jahre der Missernten von 1866–1868 weiterhin angetrieben. Sie öffneten allen die Augen, das Ausmaß der Not und die Notwendigkeit der Barmherzigkeitsarbeit zu sehen. Das Wissen über die Barmherzigkeitsarbeit stammte aus Deutschland. Ihre Grundidee lag in der Liebe, die dem Glauben entspringt.

Die Gründung einer Diakonissenanstalt in Finnland empfahlen wahrscheinlich zum ersten Mal die Brüder Juhana und Julius Bergh, zwei Jahre nachdem die Kaiserswerther Anstalt gegründet worden war. Der erste Finne, der in Kaiserswerth mit Fliedner zusammentraf, war im Jahr 1859 Aaron Kustaa Borg, der Dompropst von Kuopio. Er war vom bescheidenen Auftreten Fliedners fasziniert. „Er war weder von der Größe noch vom Aussehen her besonders, ebensowenig von seiner Kleidung her. Aber unter Tausenden hätte ich ihn erkannt“, schrieb Borg über Fliedner. Gemeinsam mit Fliedner hörte er dem Gesang der Diakonissen im Steinturm zu. Borg erschuf eine recht freie Übersetzung des Lieds „Taube Christi“ ins Finnische (Diakonissenliedbuch 1857 Lied Nr. 78: „Taube Christi, schwing’ Dich empor, und bring’ Allen, die auf Hülfe warten, Friedens- Oelzweig aus dem Garten Gottes, ihres Herrn! Er giebt ihn dir gern“.). Am Turm wehte das blaue Tuch mit dem Kaiserswerther Symbol, einer Taube mit einem Olivenblatt im Schnabel. Borg fühlte, dass die Taube sich auch auf den Weg nach Finnland begeben wollte. In Kaiserswerth erfuhr Borg ein Erweckung für die Diakonie. In einer Rede wurde gefragt, was wir antworten, wenn wir für die Nächstenliebe zur Rechenschaft gezogen werden. Borg fuhr fort: „Ich brach zusammen; mein Herz war voll – ich weinte um die Sündenlast meiner selbst und ganz Finnlands“.

Bereits vor der Gründung von Diakonissenanstalten war das Ausüben von Diakonie in Finnland verbreitet. In Rauma war der Diakoniegedanke in einem Holzhändler und Schiffsreeder erwacht. Während eines Besuchs in Stockholm hatte er Frauen in seltsamen Gewändern gesehen. Von einem Polizisten erfuhr er, dass es sich um Diakonissen handelte, die sich um Kranke und Arme kümmerten. Er erfuhr außerdem, dass es in Stockholm eine Diakonissenanstalt gab. Dies erweckte sein Interesse und führte dazu, dass mit seiner finanziellen Unterstützung später die erste Gemeindeschwester angestellt wurde. Von Finnland aus stand man im Jahr 1864 brieflich mit Fliedner in Verbindung. Der Missionsleiter K. J. G. Sirelius hatte sich bei Fliedner nach der Möglichkeit erkundigt, finnische Mädchen in Kaiserswerth zu Diakonissen ausbilden zu lassen. In seinem Antwortschreiben hatte Fliedner seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass „auch im fernen Finnland die ersten Schritte des Diakonissenwesens getan waren“ und hieß die finnischen Mitchristinnen jederzeit in Kaiserswerth willkommen. Nach Fliedners Tod besiegelte Sirelius den Vertrag mit dem neuen Leiter, Fliedners Schwager Julius Disselhof. Dieser versprach, die Finnen „zu den vom seligen Schwiegervater genannten Bedingungen“ gern aufzunehmen.

Die Erfahrungen aus der Dresdener Anstalt sowie das Evangelische Hospital und Diakonissenhaus St. Petersburg in Russland, zu dem Finnland als autonomes Staatsgebiet gehörte, gaben den Anstoß für die Entstehung der Diakonissenanstalt Wyborg. Das Evangelische Hospital in St. Petersburg wurde im Jahr 1859 gegründet. Gründer des Hospitals war der Staatsrat und Doktor der Medizin Carl von Mayer, der gewillt war, seine medizinische Ausbildung und sein angeregtes religiöses Leben dem Helfen der Armen zu widmen. Nachdem er die Anstalten von Kaiserswerth und Dresden kennen gelernt hatte, wollte er eine Krankenhäuser und Schutzheime umfassende Diakonissenanstalt gründen. Die russische Regierung genehmigte dieses Projekt allerdings nicht. Stattdessen wurde ein kleineres Hospital gegründet. Die erste Leiterin der Anstalt war Schwester Luise Sorgenfrei, die ihre Ausbildung in Kaiserswerth erhalten hatte und auch nach ihrer Heirat mit von Mayer als Leiterin tätig blieb. Nach ihrem Tod wurde Schwester Angelica Eschholtz zur Leiterin ernannt.

Auguste Köhler – Die Überbringerin des Diakoniegedanken

Der Diakoniegedanke verbreitete sich nicht nur durch die Verbindungen des Bürgertums nach Deutschland, sondern auch besonders durch die Schwestern, die gekommen waren, um die Tätigkeit des Waisenhauses in Wyborg einzuleiten und ihre Arbeit zugunsten der Leidenden und Sterbenden aufzunehmen. Der Oberpfarrer der Kirchgemeinde Wyborg, Julius Steger, hatte dem Leiter der Diakonissenanstalt Dresden von der Not der Finnen geschrieben. Im Jahr 1867 wurden aus der Dresdener Anstalt zwei Diakone und eine Diakonisse nach Finnland entsandt.

Zur berühmtesten der deutschen Schwestern wurde die Diakonisse Auguste Köh­ler (geb. am 1.7.1831), die aufgrund eines Hilfegesuchs aus Wyborg im Jahr 1858 aus Dresden entsandt wurde und deren Name sich unauslöschlich mit der Geschichte der Diakonissenanstalt Wyborg verbunden hat. Schwester Auguste erhielt die Diakonissenweihe im Jahr 1858. Für Schwester Auguste war es schwer, in ein unbekanntes Land aufzubrechen. Sie suchte Schutz in dem Versprechen der Bibel „Gott ist unsere Stärke. Darum fürchten wir nicht“. Auch das Heilige Abendmahl, das sie vor ihrer Reise empfangen hatte, gab ihr Mut. Schwester Augustes ereignisreiche Reise nach Wyborg verlief durch das Baltikum in Richtung St. Petersburg, wo sie aufgrund von Formalitäten am Bahnhof lange auf ihr Reisegepäck warten musste. Schwester Auguste erinnerte sich, dass sie auf dem Bahnhof mindestens 300 Dokumente verfasst habe. Die Wurzeln der gemächlichen russischen Behördenpraxis scheinen also bereits aus dem St. Petersburg des 19. Jahrhunderts zu stammen!  Von St. Petersburg aus wurde sie dann „mit liebevollen Küssen und Segen in das fremde Hungerland entsandt“. 

Schwester Auguste übernahm das Kinderkrankenhaus mit Unterstützung von Schwester Frieda aus Hamburg. Ein Jahr lang arbeitete Schwester Auguste allein als Pflegerin von 60 Kindern. In ihrem Brief beschrieb sie ihre ersten Eindrücke: „Auf engstem Raum vegetierten auf schäbigen Strohbetten 19 schwerkranke, meist im Sterben liegende Kinder. Auf einem Bett lag eine Leiche, eher gesagt das Gerippe eines vierzehnjährigen Mädchens. Als ich dies sah und den schlimmen Gestank im Raum spürte, überkam mich geradezu das Grauen und das allertiefste Mitleid. Mein Herz wollte zerspringen, als ich sah, wie die Kinder schon verwesten, während sie noch lebten. Und wenn sie starben, wurden bereits neue Kinder auf ihre Betten getragen“. Es standen ein großer Topf, zerbeulte Schüsseln und zwei Dutzend Holzlöffel zur Verfügung. Die Kinder aßen aus denselben Schüsseln und warteten auf die Holzlöffel, bis sie an der Reihe waren. Es gab nicht einmal Geld für eine Badewanne, die aber notwendig gewesen wäre, da die Kinder an Krätze litten. Schwester Auguste berichtete, dass sie die Kinder in die nahe gelegene russische Badestube schickte, wo die Kinder sich in schrecklicher Hitze waschen konnten. Ob es sich wohl um eine finnische Sauna gehandelt hatte? Am schwierigsten erwies sich für Schwester Auguste die Bekämpfung des Ungeziefers. Sie berichtete, wie sie eine Woche darauf verwendete, die Kinder von Läusen zu befreien, und eine zweite, um die Wanzen zu vernichten. Etwas Erleicherung in das eingeengte Leben brachte der Umzug in ein neues Haus, in den im Sommer 1868 gegründeten Waisenhof, der wenig später zur Wiege der Diakonissenanstalt Wyborg wurde. Sie wollte dem neuen Ort den Namen „Herberge zum Guten Hirten“ geben.

Schwester Auguste erzog die Kinder zu guten Manieren und zur Arbeit. Im Waisenhaus herrschte strenge Disziplin. Schwester Auguste berichtete, dass sie manchmal Schläge austeilen musste. Für ihre Begriffe war Faulenzen gefährlich. Deshalb war das Tagesprogramm immer strikt vorgeschrieben. Schwester Auguste besaß viel Tatkraft, aber die finnische Sprache hatte sie nie erlernen können. So ist es auch bezeichnend, dass die Kinder der „Mutter“ nach dem Abendlied auf Deutsch „Gute Nacht“ sagten.

Die Diakonissenanstalt Wyborg wird gegründet

Die Diakonissenanstalt in Saunalahti wurde 1869 am St. Michelstag eingeweiht. Die Gründung der Diakonissenanstalt Wyborg erforderte einerseits Menschen, die sich für die Leidenden einsetzten, und andererseits Geld, das für die Arbeit benötigt wurde. Solche Menschen fanden sich in der deutschstämmigen Kaufmannsfamilie Hackman. In der gesellschaftlichen Wohltätigkeitsarbeit der Familie Hackman und des von ihr geführten Unternehmens nahm die Diakoniearbeit eine bedeutende Stellung ein. Die zur Familie gehörende Hilfsdiakonisse Olga und ihre Aufopferung für die Nächstenliebe hatten offensichtlich einen starken Einfluss darauf, dass sich die Familie Hackman für das Ausüben von Diakonie interessierte. Olga Helene Nicoline Hackman wurde am 15. September 1839 geboren. Die verwitwete Kapitänsfrau Marie Hackman zog mit ihren Töchtern Olga und Marie nach Deutschland und kam dort mit der Diakonissenanstalt Dresden in Berührung. Amalie Fröhlich erinnerte sich, dass Olga und Marie gern im Kirchgemeindekreis Nord-Dresden bei Schwester Hulda aushalfen. Olga fühlte sich sehr zur Barmherzigkeitsarbeit hingezogen und wollte Schülerin der Dresdener Anstalt werden. Vor dieser Entscheidung erfuhr sie eine geistige Wende. In der Silvesternacht war sie zu einer befreundeten Familie zum Tanz gegangen. Im Laufe des Abends war ihr Herz unruhig geworden, so dass sie das Fest verlies und nach Hause ging. Für die heimkehrende Tochter waren die Worte ihrer Mutter „Du hast deine Zeit schlecht verbracht“ wie ein Stich ins Herz. Das Mädchen nahm ihr Gebetbuch und hielt dies in ihrer Hand, während sie um Gnade und Vergebung dafür bat, dass sie das neue Jahr mit Sang und Klang begrüßt hatte und anstatt Segen Verdammnis auf sich geladen hatte. In jener Nacht wurde sie von Gottes Gnade erfüllt und sie erkannte ihre Lebensaufgabe im Dienst der Armen, Kranken und Kleinen. Das geistige Erwachen und die Hingabe zur Dienstarbeit schritten Hand in Hand. Man sagte, dass sie mit Feuereifer als Schwester diente und bei der Pflege der Kranken sogar ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzte. Vor ihrem Tod hatte sie ein Testament angefertigt, in dem sie bestimmte, dass ihr Geld der Anstalt Dresden zugute kommen sollte. Letztendlich wurde die Angelegenheit so geregelt, dass ihre Angehörigen 72.000 Finnmark als Grundkapital für die Diakonissenanstalt Wyborg spendeten. Schwester Olgas Weg der Treue dauerte nur eine kurze Zeit. Unter den jungen Schwestern grasierte zu jener Zeit die Schwindsucht. Nach Weihnachten 1865 musste sie ins Krankenhaus. Als die Seelenpflegerin des Krankenhauses sie fragte, wie es ihr ginge, antwortete Olga: „Dem Gott sei Dank, gen Himmel“. Kurz vor ihrem Tod wurde sie zur Hilfsdiakonisse ernannt, worauf sie wenig später am 7. März 1866 verstarb. Ihre letzten Worte lauteten: „Hilf, Jesus, hilf“. Sie wurde in Dresden begraben. Sie konnte zwar selbst keine Dienste erweisen, aber die Früchte wurden in Wyborg geerntet.

Die gründende Versammlung der Diakonissenanstalt fand am 2.3.1869 statt. Das Gründungsbuch endete mit dem Wunsch: „Gebe unser Herr Jesus Christus, zu dessen Ehren dieses Werk geschehen soll, ihm sein Bestes, den Segen seines Geistes“. Die Diakonissenanstalt Wyborg entstand in Verbindung mit der deutschen Kirchgemeinde und der Familie Hackman. Obwohl man versuchte, eine nach den Vorbildern der fliednerischen Diakonie arbeitende Anstalt zu schaffen, fand sich weder auf der gründenden Versammlung noch in den Regeln eine Erwähnung über die Zugehörigkeit zu dem im Jahr 1861 gegründeten Kaiserswerther Verband. Die Regeln entsprachen jedoch den Regeln der fliednerischen Diakonie. Schwester Amalie Fröhlich berichtete später über die Gründung der Anstalt und sagte, dass sie den Namen Beetel erhalten hatte. Auf jeden Fall war die Anstalt Wyborg Mitglied des Verbandes. Der Leiter der Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth in Düsseldorf, Dr. Friedrich Norbert, hat auf meine Anfrage hin die Mitgliedschaft der Wyborger Anstalt in der Kaiserswerther Generalkonferenz geklärt. Aus seinen Untersuchungen geht hervor, dass die Diakonissenanstalt Wyborg an der in Kaiserswerth abgehaltenen Generalkonferenz vom 8.-9. September 1875 zum ersten Mal als Mitglied Nummer 37 teilnahm. Der Jahresbericht der Diakonissenanstalt aus dem betreffenden Jahr enthält keinerlei Vermerk zu dieser Angelegenheit, weder zu der Konferenz noch zu den Teilnehmern. Dieses Verschweigen kann man für recht eigenartig halten.

Die erste Leiterin aus Dresden

Vor der Weihe musste die Frage geklärt werden, wer die Anstalt leiten sollte. Die oben genannte Schwester Auguste hatte sich als sehr tatkräftig erwiesen, aber die Entscheidungsträger wollten die Stelle der Leiterin offensichtlich mit einer anderen Person besetzen. Gegen Schwester Auguste sprach, dass sie die finnische Sprache nicht einmal in Ansätzen erlernt hatte. So kehrte sie im Jahr 1871 nach Deutschland zurück. Leiterin der Diakonissenanstalt Wyborg wurde Schwester Amalie Fröhlich. Die Weihe der Anstalt und die Segnung der Leiterin in ihre Aufgabe fanden in der Peter-Paul-Kirche der deutschen Kirchgemeinde statt. Die Zeitungen berichteten damals nichts über dieses Ereignis. Die Gründung der zweiten (Helsinki war die erste im Jahr 1867) Diakonissenanstalt Finnlands hatte die Nachrichtenschwelle nicht überschritten!!

Schwester Amalie Fröhlich, geb. am 4.2.1844, wurde in der Diakonissenanstalt Dresden im Jahr 1865 zur Diakonisse geweiht. Zur Leiterin der Anstalt Wyborg wurde sie am 29.9.1869, dem Feiertag der Anstalt, geweiht. Diese Aufgabe erfüllte sie vierzehn Jahre lang, bis zum Jahr 1883. Von Schwester Amalie (Fröhlich), die sich beim Lernen der Sprache Mühe gab, sagte man, dass ihre wichtigste Sprache die „freudige Liebe verbunden mit selbstlosem Dienen und tatkräftiger Betriebsamkeit“ war. Sie war eine fähige Leiterin und den Schwestern eine mütterliche Erzieherin.  Schwester Amalie war auch die erste „Gemeindeschwester“. Sie suchte in Wyborg die Häuser der Armen auf, vermittelte materielle Hilfe und gab medizinischen Rat. In der Anstalt wurde Essen an die Armen verteilt, welches Schwester Amalie einer Quelle zufolge in den Haushalten der Reichen gesammelt hatte. Sie selbst sagte, dass es mit der Wirtschaft der Anstalt so gut stehe, dass man die Armen speisen konnte. 

Schwester Amalie verlies die Anstalt endgültig Anfang September 1883 in der Hoffnung, dass Gott zum Guten wenden würde, was sie unwissentlich und unabsichtlich falsch gemacht habe und dass die Anstalt zu Ehren Gottes und als Segen für viele Seelen wachsen und gedeihen möge. Als sie später von der Entstehung der Diakonissenanstalt Wyborg berichtete, beendete sie ihre Erzählung folgendermaßen. „Bedecke das, was ich gelebt habe, leite das, was ich noch leben werde“. In ihrem Heimatland diente sie als Diakonisse und kam im hohen Alter an die Dresdener Anstalt, wo sie im Feierabendheim, dem dortigen Heim für alte Schwestern, im Alter von 79 Jahren starb.

Die Dresdener Anstalt hatte in den Anfangszeiten einen bedeutenden Anteil an der Tätigkeit der Wyborger Anstalt, was darin ersichtlich ist, dass sie Schwestern zur Anstalt nach Wyborg entsandte. Das wichtigste Geschenk Dresdens an Wyborg war Schwester Amalie Fröhlich. Die Dresdener Anstalt hatte eine Art „Gründungsprogramm“ für Tochteranstalten. Anfangs besaß auch die Kaiserswerther Anstalt ein solches Programm und gründete Anstalten in verschiedenen Teilen Europas. Von Dresden aus wandte man sich den russischen Zentren an der Ostsee zu. Zu dieser Dresdener Welle hatte auch die Anstalt in Wyborg gehört. Für die Idee der Tochteranstalten sprach auch die Tatsache, dass sich die Dresdener aus der Tätigkeit der Anstalten zurückzogen, sobald man erachtete, dass diese selbstständig waren und mit Hilfe ihrer eigenen Arbeitskraft auskamen. Dresden entsandte trotz Anfragen auch keine neue Leiterin. In Dresden wollte man sich auf die Arbeit konzentrieren, die es auf dem Gebiet der eigenen Landeskirche zu verrichten galt. Die Diakonissenanstalt Wyborg musste nun unter finnischer Leitung agieren, und es wurden geeignete Personen gefunden. Zum ersten Mal wurde im Jahr 1931 eine Schülerin aus dem eigenen Haus Leiterin der Anstalt, mehr als sechzig Jahre nach deren Gründung.

Verbindungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Nach dem Krieg im Jahr 1951 wurden die Mitglieder der Kaiserswerther Generalkonferenz gefragt, ob sie der Gemeinschaft angehören wollten. Bemerkenswert war, das die Wyborger Anstalt, die in den Wirren des Kriegs nach Lahti verlegt worden war (Diakonissenanstalt Beetel in Lahti), Mitglied der Generalkonferenz blieb. In ihrer Antwort teilte die Diakonissenanstalt Beetel mit, dass das Schwesternheimsystem seine Tätigkeit in der Anstalt weiterführe, diese aber unter Umständen einstellen werde. Dies lag daran, dass die Kirche mit einem gesetzlichen Amt ausgestattet wurde und begann, ihren Diakoniemitarbeitern Renten zu zahlen, so dass die Anstalten nicht mehr für diese zu sorgen brauchten. Der Zeitpunkt der Einstellung konnte nicht abgeschätzt werden. Der Leiter der Anstalt wünschte der Kaiserswerther Generalkonferenz ein gesegnetes Weihnachtsfest in diesen schweren Zeiten. In der Briefkopie waren die schweren Zeiten jedoch durchgestrichen worden. Aus dem erhaltenen Brief und der Antwort kann man schließen, dass die Diakonissenanstalt Beetel (Diakonissenanstalt Wyborg/Lahti) in der Situation Deutschlands in der Kriegs- oder Nachkriegszeit keinen Grund sah, den Austritt zu beantragen, und auch nicht geistig von der Kaiserswerther Bewegung getrennt gewesen war, wie mehrere Quellen dem Autor gegenüber behauptet haben.

Das Mutterhaus-System wurde Ende der 1950er Jahre in Finnland abgeschafft, aber immer noch wollte man bewusst oder unbewusst im Geist von Kaiserswerth weiterleben. Finnland wählte einen eigenen Weg. Man bildete Diakonissen aus, die in das Diakonieamt geweiht wurden. Nach der Weihe arbeiteten die Schwestern in der Diakonissenanstalt, in den Kirchgemeinden und in verschiedenen Aufgaben der Gesellschaft. Bereits zuvor im Jahr 1944 war in Finnland ein Gesetz in Kraft getreten, dem zufolge jede Kirchgemeinde über ein Diakonieamt verfügen musste. Das war einzigartig auf der ganzen Welt! Bis zum heutigen Tag haben die Anstalten und seit Beginn des 21. Jahrhunderts die Fachhochschule für Diakonie die Ausbildung für diese Aufgaben übernommen. Leider ist die Ausbildung von den Anstalten immer mehr auf die Fachhochschule für Diakonie übergegangen. Der Geist von Kaiserswerth ist infolge dieser Veränderung aus der Ausbildung verschwunden, in einigen Anstalten lebt er jedoch weiter, zumindest in Lahti.

Als einen Beweis für den Fortbestand der geistigen Verbindung kann man das Gedenken an die in Bedrängnis geratenen deutschen Schwestern im Jahr 1952 ansehen. Auf einer Veranstaltung wurden 6.600 Finnmark gesammelt. Für dieses Geld wurden Waren gekauft, die an Schwester Augusta Möhrmann nach Berlin geschickt wurden. Diese schrieb in ihrem Dankesbrief: „Eure Liebe, von der die gestern eingetroffenen Pakete zeugen, tut sehr gut. Danke, herzlichen Dank. So erquickt Gott seine Kinder. Wir leben jetzt in einer schweren Zeit. Was für einen Weg werden wir einschlagen? Betet für uns, so wie wir für euch“. Krieg und Zerstörung konnten die schwesterliche Verbindung und das Band des Gebets nicht durchtrennen.

In Finnland verfolgte man mit Interesse den neuen Aufstieg der Diakonie in Deutschland. Ein Beispiel für die neuen Beziehungen war der Aufenthalt von Schwester Kerttu Vainikainen in Deutschland. Im Jahr 1950 besuchte sie u. a. Kaiserswerth, Bethel und Neuendettelsau. In ihren Reisebeschreibungen stellte sie fest, dass die deutsche Diakonie durch Feuer und Blut gegangen ist und trotzdem das ursprüngliche Ideal des Dienens erhalten hat.

Die deutschen Besuche trugen zur Stärkung der Kaiserswerther Diakonie bei. Nach dem Ende der im Jahr 1951 abgehaltenen Konferenz der nordischen Länder begab sich der ehemalige Leiter der Anstalt Kaiserswerth, Graf Siegfried von Lüttichau, gemeinsam mit den finnischen Teilnehmern auf die Rückreise. Er besuchte die Anstalten in Lahti, Helsinki und Pieksämäki. In Lahti hielt er zwei Ansprachen an die Schwestern und hinterließ zur Erinnerung den Bibelsatz  Joh 3, 30 „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“. In seinem Brief an den Leiter erinnerte er sich noch fünf Jahre später an seinen Besuch in der Anstalt Lahti. Der Brief war eigentlich ein Beileidsschreiben aus Anlass des Todes von Schwester Siviä Saarinen. Auch der neue Leiter der Anstalt Kaiserswerth, Robert Frick, übermittelte sein Beileid. Im Jahr 1957 war an der Anstalt der Sekretär Heinrich Leich, ebenfalls aus Kaiserswerth, zu Gast. Aus den Besuchen und Briefen kann geschlossen werden, dass die Anstalt Lahti gute Beziehungen zu Kaiserswerth pflegte.

Die erste Nachkriegskonferenz der Anstalten, die zur Kaiserswerther Generalkonferenz gehört hatten, wurde im Jahr 1953 in Deutschland in Schwäbisch Hall abgehalten. Die Führung der Diakonissenanstalt Beetel in Lahti hatte beschlossen, dass die Anstalt nicht an der Konferenz teilnimmt. Die Anstalt Helsinki wurde von Schwester Aino Luhanti vertreten.

Den Informationen zufolge, die auf den Jahresberichten des Verbandes der Diakonieanstalten beruhen, nahmen Finnen erst im Jahr 1979 an der Kaiserswerther Generalkonferenz teil. Die Konferenz fand in Ostdeutschland in Dresden statt. Während des Kriegs war die deutsche Diakonie von der übrigen Welt isoliert gewesen. Dies war neben der schwierigen politischen Nachkriegslage in Finnland ein Grund für die Abgeneigtheit der Finnen, an den Kaiserswerther Konferenzen teilzunehmen.

Der Weg zur Verbindung mit Kaiserswerth wurde in Stockholm geebnet

Im Jahr 1984 fand die Kaiserswerther Generalversammlung in Stockholm an der Anstalt Ersta statt. Finnische Teilnehmer kamen aus den Anstalten Helsinki, Lahti, Pori und Oulu. Dem Jahresbericht der Anstalt Lahti zufolge wurde auf der Konferenz beschlossen, dass die einst abtrünnige Anstaltsdiakonie der nordischen Länder wieder in den Kreis dieser Bewegung passe. Im Konferenzbericht wird erwähnt, dass man erkannte, dass die skandinavischen Anstalten „uns allen nahe stehen“. Genauer gesagt bezog man sich in dem Dokument auf die neue Generation, welche die Mütter und Väter der Diakonie ehrt. Die Wunden der Vergangenheit könnten jedoch geheilt werden. Es wäre ein Segen, wenn die gesamte der Kaiserswerther Tradition entstammende Diakonie wieder zum Kaiserswerther System zurückfinden und gemeinsam den Weg beschreiten könnte, der von ihm gewiesen wird. Dies bedeutete anscheinend, dass die Anstalten der nordischen Länder kaum an den Konferenzen teilgenommen hatten. Jedenfalls waren die Verbindungen zur Anstalt Lahti über die Wirren des Kriegs hinaus erhalten geblieben.

Der Kontakt wird reger

In den 1980er Jahren begann der Kontakt mit dem Kaiserswerther Verband reger zu werden. An der Generalkonferenz 1989 in Magdeburg nahmen zwei Abgesandte teil. Im Jahr 1989 waren Pastor Günther Freytag, der Vorsitzende des Kaiserswerther Verbands, und Werner Fink, der Präsident der Kaiserswerther Generalversammlung, in den Diakonissenanstalten Oulu, Lahti und Helsinki zu Gast. Sie brachten den Wunsch zum Ausdruck, dass die Generalversammlung 1992 in Finnland stattfinden könnte. Im folgenden Jahr machten sich Karl-Gerhard Wien, der neue Präsident der Generalversammlung, der Sekretär Günther Freytag und das Präsidiumsmitglied Gudrun Persson mit den vorgeschlagenen Konferenzorten vertraut. Die Wahl fiel auf Lärkulla in Karjaa. Die Konferenz fand vom 9.-14. Juni 1992 statt und hatte ca. 200 Teilnehmer aus 16 Ländern. Die am weitesten gereisten Gäste trafen aus Brasilien, Tansania, Korea und Indien ein. Für den Autor stellte die Konferenz die erste Berührung mit der Kaiserswerther Diakonie dar. Die Schwestern Stina Nilsson und Gertrud Persson der Anstalt Ersta gaben eine sachkundige und freundliche Einführung.

Danach beteiligte sich die Diakonissenanstalt Lahti aktiv an allen Generalversammlungen und Fachtagungen. Leider nahm nur der Leiter an den Konferenzen teil. Die Schwestern interessierten sich aufgrund von Sprachproblemen kaum für diese Belange. Die Finnen drangen auch in die Verwaltung vor. Der erste finnische Vertreter im Präsidium war Pastor Olli Holmström von der Diakonissenanstalt Helsinki. Auf der Potsdamer Konferenz im Jahr 2001 wurde Kari Vappula, Doktor der Theologie und Leiter der Diakoniestiftung Lahti, zum Präsidiumsmitglied gewählt. Im Jahr 2007 wurden in Lahti die Stellen der scheidenden Präsidiumsmitglieder mit neuen Mitgliedern besetzt. Finnland wurde durch die Vizerektorin Terttu Pohjolainen aus Lahti repräsentiert. In den Reihen der im Kaiserswerther Geist in Wyborg gegründeten und nach Lahti verlegten Diakonissenanstalt fand sich erneut eine Person, die sich für die Kaiserswerther Diakonie einsetzt. Ein großer Anlass zur Freude besteht darin, dass es sich um eine Frau und eine Diakonisse handelt! Die Kaiserswerther Diakonie lebt in Lahti auch unter der heutigen Leitung weiter.

Es war die ehrenhafte Aufgabe der Diakonissenanstalt Lahti, die 40. Generalversammlung der Kaiserswerther Diakoniebewegung auszurichten. Die Konferenz fand in der Diakonissenanstalt Lahti vom 18.-22. Juni 2007 statt. An der Generalkonferenz in Lahti nahmen etwa 100 Konferenzgäste aus mehr als zehn Ländern teil. Die weiteste Anreise hatten die Gäste aus Korea, Indien und Brasilien. Die nordischen Länder waren neben Finnland auch durch Dänemark und Norwegen vertreten. Das Thema der Tage lautete „Diakonie – eine ,andere‘ Art zu helfen und leben“.

Die Entstehung und das Wachstum der Anstalt Wyborg/Lahti basierten auf dem Geist Theodor Fliedners und dem seinerzeit von ihm geschaffenen System. Dieses ist als solches aus dem Leben der Anstalt gewichen. Alle zeitgebundenen Dinge haben sich verändert. Aber kann Fliedner die Diakoniearbeit des 21. Jahrhunderts inspirieren? Fliedners Gabe, die Bedürfnisse der Zeit zu spüren, seine Fähigkeit, sich mit den Hilfesuchenden zu identifizieren, und die Fähigkeit, die benötigte Hilfe zu sehen, haben heute genauso Gültigkeit wie vor 170 Jahren. Fliedner verstand auch, dass es nicht genügte, Helfer zu suchen und sie zu inspirieren, sondern dass man sie auch ausbilden musste, anderen zu helfen. Dies ist die fliednerische Herausforderung für die Diakonieanstalt Lahti. Es scheint, dass Gott inmitten von Freude und Kummer für die Anstalt Wyborg/Lahti nur eine Antwort hat: „So ziehet nun hin, und haltet euch nicht auf“ (Jer 51, 50).

Kari Vappula

Leiter der Diakonissenanstalt Lahti 1991-2007

Doktor der Theologie

Dozent für Praktische Theologie

Finnland Turku

Mainokset